Kinder und Jugendliche sind aktiv handelnde Menschen mit vielfältigen Ressourcen und eigenen Rechten. Auch wenn geflüchtete Kinder und Jugendliche besonders schutzbedürftig sind, dürfen sie dabei nicht in eine passive Rolle gedrängt werden. Ein wichtiges Ziel ist es daher, junge Menschen so zu befähigen, dass sie mitgestalten können. Die Selbstorganisation „Jugendliche ohne Grenzen“ ist hier eines der Positivbeispiele. Doch das allein reicht nicht, denn Partizipation ist ein zweiseitiger Prozess und hängt stark mit der Machtverteilung zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zusammen. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist zudem eine rechtlich verankerte Pflicht für Behörden, Gerichte und Träger.
Meldungen
Ratgeber: Rechte haben - Recht kriegen
20.08.2018

Welche Rechte haben Kinder und Jugendliche gegenüber den Erwachsenen in ihrem Umfeld? Welche Formen der Unterstützung durch das Jugendamt gibt es und welche Rechte bzw. Spielräume haben junge Menschen hierbei? Ein aktueller Ratgeber für Jugendliche in Erziehungshilfen beantwortet diese und weitere Fragen.

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Willkommensbroschüre: Jetzt auch auf Dari!
04.07.2018

Jetzt auch auf Dari bestellbar: Unsere Willkommensbroschüre für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Mit welchen Behörden, Ämtern und Organisationen habe ich zu tun? Was passiert alles in der ersten Zeit? Wer kümmert sich um mich? Und vor allem: Welche Rechte habe ich? Dies und vieles mehr erfahren junge Flüchtlinge in jugendgerechter Sprache.

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Neues Land, neues Leben
03.06.2018
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Die neue Willkommensbroschüre ist da!
01.02.2017
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Hintergrund
Partizipation in der Jugendhilfe

Partizipation wird häufig mit Begriffen wie Beteiligung, Teilhabe, Mitbestimmung oder Mitwirkung umschrieben. Diese Definitionen greifen allerdings vielfach zu kurz, denn sie fordern lediglich das Einbeziehen der jungen Menschen in Entscheidungsprozesse, nicht aber das aktive Mitgestalten und somit das Übertragen von Entscheidungsmacht.

Doch woran lässt sich Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe festmachen und inwieweit haben junge Menschen tatsächlich Möglichkeiten der Einflussnahme bzw. an welchem Punkt werden diese im Hilfeprozess eröffnet? Beispiele der einfachen Einbeziehung sind hier etwa Abstimmungen darüber wohin ein Gruppenausflug, eine Reise oder Aktivität unternommen werden soll, die sich lediglich darauf beschränken zwischen den Vorschlägen zu wählen, aber keine Möglichkeiten der Einflussnahme von Anfang bis Ende bieten.

Der Erfolg von Gruppenaktivitäten, Abenden oder Vollversammlungen hängt wesentlich davon ab, ob die Adressat/innen die Möglichkeit haben, Inhalte und Themen im Voraus gemeinsam festzulegen und den Abend mitzugestalten oder ob er nur zur Informationsweitergabe der Betreuer/innen an die Kinder und Jugendlichen dient. Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit haben mitzuentscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten wird bspw. ein Gruppenabend nicht als echtes Beteiligungsinstrument, sondern als lästige Pflichtveranstaltung erlebt.

Auch das Hilfeplanverfahren, das als partizipatives Moment in der Kinder- und Jugendhilfe angelegt ist (§ 36 SGB VIII), kann zur Schein-Teilhabe werden, wenn die junge Menschen nicht über ihre Rechte, Pflichten und Möglichkeiten in diesem Verfahren aufgeklärt werden. Das Fehlen einer notwendigen Sprachmittlung bei den Gesprächen verstärkt das Informationsdefizit und verhindert in Folge dessen die Möglichkeiten der Beteiligung.

Gerade junge Geflüchtete werden bereits aufgrund ihrer rechtlichen Situation von gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen. So formuliert auch der 15. Kinder- und Jugendbericht, dass

das Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in den letzten Jahren in Deutschland Schutz vor Krieg, Gewalt und Verfolgung oder vor ökonomischer Ausweglosigkeit gesucht haben, grundsätzlich durch rechtliche und soziale Zukunftsunsicherheit gekennzeichnet [ist]. Die Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft bleibt für sie vielfach prekär, und ihre Teilhabechancen werden rechtlich immer wieder eingeschränkt und begrenzt […]. Dies gilt für den Zugang zu Bildungsinstitutionen im Kontext von Qualifizierungsprozessen ebenso wie für Aspekte der Selbstpositionierung und der Verselbstständigung.

(BMFSFJ: 15. Kinder- und Jugendbericht (2017), S. 467.)

Junge Geflüchtete befinden sich somit in einem extremen Spannungsverhältnis mit widersprüchlichen Erwartungen: Während die Kinder- und Jugendhilfe Eigenverantwortlichkeit erwartet und stärkt, wirken Restriktionen des Asyl- und Aufenthaltsrechts etwa durch lange Verfahrenszeiten und rechtliche Unsicherheit destabilisierend auf eine selbstbestimmte Alltagsgestaltung und Zukunftsplanung ein. Dieses Dilemma kann nur durch Transparenz, das Wissen um eigene Rechte und tatsächlich gelebte Teilhabe aufgelöst werden, damit junge Menschen erleben, dass sie Gefühle von Ohnmacht überwinden können.

Ein Rechtsanspruch auf Beteiligung

Der Rechtsanspruch auf Beteiligung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen ist durch die UN-Kinderrechtskonvention auf internationaler Ebene (Artikel 12-15 und 17 UN-Kinderrechtskonvention), durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) auf Bundesebene (§ 8 SGB VIII) und zusätzlich auch durch die Ausführungsgesetze zum Kinder- und Jugendhilfegesetz auf Landesebene geregelt.

Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen.

(§ 8 Abs.1 SGB VIII)

Die Beteiligung junger Menschen bspw. in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ist also keine freiwillige Leistung, die vom guten Willen der jeweiligen Fachkraft abhängt, sondern eine gesetzliche Vorgabe, zu deren Umsetzung Träger, Einrichtungen und Fachkräfte verpflichtet sind.

Kinder und Jugendliche in Gemeinschaftsunterkünften

Während für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Partizipation im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe vorgeschrieben ist, stellt Partizipation für Kinder- und Jugendliche, die mit ihren Familien in Gemeinschaftsunterkünften leben, eine große Leerstelle dar. Beteiligung im Alltag wird diesen Kindern und Jugendlichen auch durch strukturell bedingte Zugangsbarrieren zu kommunalen Regelangeboten sowie durch gesetzliche Rahmenbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene erschwert. Dies kann sich negativ auf den Zugang zu Kita, Schule, Ausbildung, Freizeitangebote und/oder Jugendhilfe auswirken. Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen, die diese Kinder und Jugendlichen als gesellschaftliche Akteur/innen ernst nimmt, anstatt Sonderangebote für Geflüchtete zu etablieren, sollte daher vorrangiges Ziel sein.

Details zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite Begleitete Minderjährige

Beschwerdeverfahren

Eine besondere Bedeutung im Rahmen der Umsetzung von Partizipationsansätzen kommt einem internen Beschwerdemanagement sowie unabhängigen Beschwerdemöglichkeiten und -verfahren zu. Beschwerden haben eine dreifache Funktion: Sie sind ein gutes Ventil, um Frust und Ärger abzubauen, bieten die Chance etwas über die Rechte und Pflichten sowohl auf Seiten der Fachkräfte als auch der Kinder und Jugendlichen zu lernen und sind ein gutes Mittel, um bestehende Probleme zu lösen. Das Beschwerdemanagement ist als wesentlicher Bestandteil des Qualitätsmanagements eines Trägers bzw. einer Einrichtung seitens der Leitung bzw. der QM-Beauftragten sicherzustellen.

Die Beschwerdemöglichkeiten sind gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Bei der Aufnahme in die Einrichtung sind bestehende Möglichkeiten vorzustellen und als Infomaterial, im besten Fall auf ihre Muttersprache übersetzt, auszuhändigen. Es gibt verschiedene kind- und jugendgerechte Möglichkeiten (Kummerkasten, Sprechstunde, Gruppenabend, Beschwerdeplattform im Intranet, telefonisches Beschwerdemanagement, etc.) und Verfahren, um sich innerhalb der Einrichtung effektiv zu beschweren bzw. Anregungen geben zu können. Dasselbe gilt für Beschwerden außerhalb der Einrichtung, zum Beispiel in Bezug auf die Vormundschaft, das Jugendamt oder die Heimaufsicht sowie das Wissen um die Ombud- und Beschwerdestellen der Jugendhilfe. Diese verschiedenen Möglichkeiten sollten auf einem Flyer oder Plakat visualisiert und gut sichtbar in der Einrichtung aufgehängt werden. Es gilt, die Beschwerdemöglichkeiten regelmäßig gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen weiterzuentwickeln.

Selbstorganisation & politische Beteiligung

Die Selbstorganisation junger Geflüchteter ist ein stark befähigendes Moment, in dem es nicht allein um die Politisierung von Jugendlichen geht. Durch den Austausch in der Gruppe werden individuelle Gefühle der Ohnmacht als kollektive Erfahrung kontextualisierbar. Partizipation junger Menschen geht weit über die Beteiligung in Jugendhilfeeinrichtungen oder Gemeinschaftsunterkünften hinaus, denn viele Probleme von jungen Geflüchteten haben ihre Ursache in politischen Entscheidungen. Das Wissen um die eigenen Rechte hilft, Momente der Handlungsunfähigkeit zu durchbrechen sowie Partizipation und aktive Teilhabe zu fördern. Beispiele hierfür sind die beiden selbstorganisierten Netzwerke Jugendliche ohne Grenzen und der Care Leaver e.V.

Jugendliche ohne Grenzen ist ein selbstorganisierter, bundesweiter Zusammenschluss, der sich für die Rechte von jugendlichen Geflüchteten einsetzt. Seine Arbeit folgt dem Grundsatz, dass Betroffene eine eigene Stimme haben und keine stellvertretende Betroffenen-Politik benötigen.“ Die Jugendlichen schaffen sich selbst eine Plattform des Austauschs untereinander und tragen ihre Bedarfe und Forderungen in Form von Kampagnen, Konferenzen und kreativen Aktionen in die Politik und Öffentlichkeit.

Zur Website von Jugendliche ohne Grenzen

 

Im Care Leaver e.V. organisieren sich bundesweit junge Menschen, die für ihre Interessen und Belange einstehen und diese auch auf politischer Ebene vertreten. Sie machen auf ihre problembelastete Situation aufmerksam und versuchen durch Kooperationen und Sensibilisierung, die Wege von Care Leavern [1] in ein eigenständiges Leben zu erleichtern, um ihre Lebensgestaltung selbstbewusst und nach den jeweiligen Potentialen umsetzen zu können. Das Careleaver Kompetenznetz unterstützt bundesweit die Gründung neuer lokaler Netzwerke.

Zur Website vom Care Leaver e.V.

 

[1] Der Begriff stammt vom Englischen Ausdruck „leaving care“ (die Hilfe verlassen). Er hat sich auch im deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt. Als Care Leaver werden junge Menschen bezeichnet, die einen Teil ihres Lebens in stationären Hilfeformen verbracht haben bzw. kurz davor sind das Hilfesetting zu verlassen.

 

Materialien

Was ist unter Partizipationsanspruch der Fachkräfte in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen genau zu verstehen? Inwiefern ist dies als zentraler Wirkfaktor in der Erziehungshilfe zu sehen und welche strukturellen und pädagogischen Grundvoraussetzungen sind damit verbunden? Der BumF hat eine Handlungsempfehlung erstellt, mit dem Ziel gemeinsam mit Jugendlichen und Fachkräften ein sogenanntes Handlungskonzept Partizipation für Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe zu entwickeln.

(November 2013)

In dieser Broschüre, die gemeinsam mit Jugendlichen erarbeitet wurde, werden die Rechte von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen kindgerecht dargestellt. Mit welchen Behörden, Ämtern und Organisationen habe ich es zu tun? Was passiert alles in der ersten Zeit? Wer kümmert sich um mich? Und vor allem: Welche Rechte gibt es? Dies und vieles mehr erfahren junge Flüchtlinge in der Broschüre.

Dies ist die deutsche Version der Broschüre, eine Übersicht aller Sprachen finden Sie hier.

(Februar 2017)