Afghanistan ist seit vielen Jahren eines der Hauptherkunftsländer von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Gefahr durch den bewaffneten Konflikt ist dabei nicht der einzige Fluchtgrund. Jugendliche sind von zahlreichen Gefahren, u.a. Ausbeutung, Missbrauch und Zwangsrekrutierung bedroht. Trotzdem werden immer wieder Asylanträge abgelehnt. Über das Klageverfahren, die Bleiberechtsregelung oder die Ausbildungsduldung können jedoch auch bei einer Ablehnung Perspektiven bestehen.
Meldungen
Mojtaba A.’s Geschichte

Mojtaba A. kam 2013 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach München. Jahrelang wartet er auf seine Asylanhörung. Dann bekommt er plötzlich die Ablehnung weil er angeblich untergetaucht sei! Seine Betreuerin Madeleaine Nordhaus schaltetet den Rechtshilfefonds des BumF e.V. ein. Mit Erfolg: Statt nach Afghanistan abgeschoben zu werden, kann Mojtaba A. nun bleiben.

mehr lesen
Studie von Save the Children: Afghanistan ist kein sicherer Ort für Kinder
31.10.2018

Kinder sind in Afghanistan von Gewalt und Zwangsrekrutierung in bewaffnete Gruppen bedroht. So lautet das Ergebnis einer Studie von Save the Children. Die Organisation fordert daher, dass die Abschiebungen und Rückführungen von Kindern und Jugendlichen nach Afghanistan gestoppt werden muss.

mehr lesen
Sicherheitslage in Afghanistan
23.04.2018
mehr lesen
Gemeinsame Stellungnahme „Keine Abschiebung nach Afghanistan! Perspektiven für junge Geflüchtete schaffen!”
18.10.2017
mehr lesen
Integrationsförderung für Afghan/innen erleichtert
17.07.2017
mehr lesen
Hintergrund
Allgemeine Unsicherheit und Fluchtgründe von Jugendlichen

Neben den allgemeinen Sicherheitsbedrohungen durch Kampfhandlungen und Attentate bestehen auch konkrete, individuelle Lebensbedrohungen, welche u.a. von der Herkunftsregion, Ethnie, Familienzugehörigkeit und dem Beruf abhängen. So spielen zum Beispiel bisherige Beziehungen zwischen der Familie und den Taliban (oder anderen bewaffneten Gruppen) eine große Rolle. Falls der Vater den Taliban gedient hat, besteht für den Sohn eine besondere Gefahr der Zwangsrekrutierung. Sollte sich die Familie aber gewehrt haben, sind alle Familienmitglieder in Gefahr. Zudem sind insbesondere Jungen von (sexueller) Zwangsarbeit oder Rekrutierung militärischer Gruppen bedroht.

Dem Staat ist es praktisch unmöglich, den Schutz Einzelner zu gewährleisten, da die afghanischen Sicherheitskräfte selbst nicht Herr der Lage sind. Oft sind es aber auch staatliche Akteure, die mit der organisierten Kriminalität verquickt sind, und staatliche Milizen, die ungestraft die Bevölkerung terrorisieren. Die allgemeine Unsicherheit stellt somit die Konstante im Leben vieler Afghanen dar. Die Folgen sind die Zerstörung von Lebensgrundlagen, unzählige Verletzte und Tote, großräumige Vertreibungen und eine humanitäre Krise, angesichts derer auch internationale Organisationen nicht mehr in der Lage sind, minimalen Schutz zu bieten. In der afghanischen Gesellschaft tragen jedoch gerade männliche Jugendliche eine große Verantwortung für die Sicherung der Familienexistenz, was umso mehr gilt, wenn der Familienvater im Krieg gefallen oder versehrt ist. In diesem Kontext von individueller Verfolgung, allgemeiner Unsicherheit und existenzbedrohlichender Perspektivlosigkeit sind viele jugendliche Afghan/innen gezwungen, ihr Land zu verlassen.

Herkunftslandinformationen finden sich beim European Country of Origin Information Network und dem Informationsverbund Asyl & Migration. Der niedersächsische Flüchtlingsrat aktualisiert zudem regelmäßig eine Liste von Erkenntnisquellen zu Afghanistan, und auf der Seite von Thomas Ruttig werden Nachrichten und Berichte aus und über Afghanistan verbreitet. Auf der Webseite der UNAMA veröffentlicht die UN offizielle Berichte zur Sicherheitslage in Afghanistan, und auch auf der Seite des Afghanistan Analyst Networks sind Berichte und Studien zum Thema Afghanistan zu finden.

Du warst in Europa? Gefahren durch die Rückkehr

Junge Flüchtlinge sind auch durch den Aufenthalt in Europa der Verfolgung durch die Taliban und einer Vielzahl weiterer Bedrohungen ausgesetzt. Die Migrationsentscheidung afghanischer Jugendlicher ist in vielen Fällen eine kollektiv getroffene Entscheidung, und das Vorhaben wird oft von vielen Schultern getragen. Die Rückkehr wird von den involvierten Akteuren daher als Moment des Schuldenausgleichs verstanden. Sollte die Rückzahlung der Schulden allerdings nicht möglich sein, befindet sich die gesamte Familie in Gefahr, da sich eine Rückkehr aus Europa schnell herumspricht und das nicht zuletzt kriegsbedingte Misstrauen es unmöglich macht, sich irgendwo aufzuhalten, ohne seine Herkunft und Geschichte zu belegen.

Aggressives Geldeintreiben, aber auch die Annahme krimineller Banden, dass Rückkehrer in Europa zu Wohlstand gekommen sind, kann in Erpressungen, Entführungen, Attacken, Schuldsklaverei oder sogar Morden enden. Im Fall von Entführungen muss das verbliebene Familienkapital, wie z.B. Landbesitz, verkauft werden, um das Lösegeld bezahlen zu können. Berichte zur Situation jugendlicher Rückkehrer heben hervor, dass viele aus Angst vor den oben genannten Folgen nicht mehr an ihren Heimatort und zu ihren Familien weiterreisen und nach der Rückkehr keinen Kontakt zu ihren Familien aufnehmen. Neben den Gefahren der Verfolgung ist es Rückkehrern aber schon deshalb unmöglich sich zu integrieren und die eigene Existenz sicherzustellen, weil das Stigma des Versagers, des Kriminellen und der Verwestlichung auf den Abgeschobenen lastet.

Zudem empfinden viele afghanische Schutzsuchende Afghanistan nicht als ihre Heimat. Jahrzehnte von Krieg und andauernde Auseinandersetzungen bewaffneter Gruppen führen dazu, dass große Teile der afghanischen Bevölkerung zumindest einmal vertrieben sind und komplexe, generationenübergreifende Migrationschroniken entstanden sind.

Insbesondere im Nachbarland Iran haben viele afghanische Familien Zuflucht gefunden, wodurch ein großer Teil der schutzsuchenden afghanischen Jugendlichen nicht einmal in Afghanistan aufgewachsen ist oder geboren wurde. Eine Abschiebung nach Afghanistan ist in vielen Fällen daher keine »Rückführung in die Heimat« sondern in ein Land, in dem sie als Fremde sozial ausgeschlossen sind, dessen Sprache sie kaum sprechen, dessen Kultur ihnen fremd ist und in dem sie auch einfache Regeln des Überlebens nicht kennen.

Was tun bei einer Ablehnung?

Bei einer Ablehnung im Asylverfahren kann vor dem Verwaltungsgericht geklagt werden. Es gelten jedoch kurze Klagefristen. Bei einer „normalen“ Ablehnung muss innerhalb von zwei Wochen geklagt werden. Wird die Person als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt, ist nur eine Woche Zeit und es muss neben der Klage auch deren aufschiebende Wirkung beantragt werden.

Das Gericht überprüft daraufhin die BAMF-Entscheidung anhand des Anhörungsprotokolls und ggf. weiterer Dokumente und Nachweise. In der Regel wird der Minderjährige oder sein rechtlicher Vertreter zudem auch vor Gericht noch einmal befragt. Bis es zum Gerichtstermin kommt, vergeht einige Zeit, es kann wenige Wochen und Monate, aber auch deutlich mehr als ein Jahr dauern. Dies hängt u.a. davon ab, wieviel das lokale Verwaltungsgericht zu tun hat.

Sie finden auch, dass sich etwas ändern muss? Spenden Sie für eine starke Stimme für junge Geflüchtete.

jetzt unterstützen
Aufenthaltssicherung abseits des Asylverfahrens

Abseits des Asyl- und Klageverfahrens gibt es weitere Möglichkeiten der Aufenthaltssicherung aus humanitären und familiären Gründen sowie aufgrund von Integrationsleistungen. Diese Möglichkeiten müssen von Beginn an, sobald mit der Perspektivklärung des jungen Menschen begonnen wird, unbedingt aber vor dem 18. Geburtstag, geprüft und die bestehenden Möglichkeiten sowie ihre Vor- und Nachteile sorgfältig miteinander abgewogen werden.

 

Bleiberecht für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende (§ 25a AufenthG)

Jugendliche und Heranwachsende, die sich u.a. seit vier Jahren ununterbrochen geduldet oder gestattet in der Bundesrepublik aufhalten, seit vier Jahren erfolgreich eine Schule besuchen oder einen anerkannten Schul- oder Berufsabschluss erworben haben, können eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Diese muss allerdings vor Vollendung des 21. Lebensjahres beantragt werden. Es bestehen zudem bestimmte Ausschlussgründe. Der Lebensunterhalt muss ohne den Bezug von Sozialleistungen gesichert sein, außer es handelt sich um Azubis, Studierende oder Schüler/innen.

 

Die Ausbildungsduldung (nach § 60a Abs. 2 S. 4 ff. AufenthG)

Geduldete, die sich in der Ausbildung befinden oder die einen Ausbildungsvertrag vorlegen können, haben in der Regel Anspruch auf die sogenannte Ausbildungsduldung. Voraussetzung hierfür ist neben dem Ausbildungsvertrag, dass kein Beschäftigungsverbot (§60a Abs. 6 AufenthG) vorliegt und keine konkreten Maßnahmen zur Aufenthaltsbeendigung unmittelbar bevorstehen. Wann dies der Fall ist, wird in der Praxis und der Rechtsprechung jedoch sehr unterschiedlich bewertet. Wird die Erteilung der Ausbildungsduldung abgelehnt, sollten daher juristische Schritte geprüft werden.

 

Aufenthaltserlaubnis für qualifizierte Geduldete (§ 18a Abs. 1a AufenthG)

Nach Abschluss der Ausbildung kann eine Aufenthaltserlaubnis beantragt werden, sofern eine Beschäftigung im Ausbildungsberuf gefunden wurde.

 

Härtefallkommissionen und Petitionen (§ 23a AufenthG; Art. 17 GG)

Kommen trotz Integrationsleistungen keine der genannten Regelungen in Frage, können die Möglichkeiten eines Antrags bei der Härtefallkommission oder des Einreichens einer Petition beim Petitionsausschuss des jeweiligen Landtags geprüft werden. Die Möglichkeiten sind von Bundesland zu Bundesland verschieden und sollten beim jeweiligen Landesflüchtlingsrat erfragt werden.

Material

2015 gab es in Afghanistan mehr zivile Opfer als in allen Jahren zuvor. Die allgemeine Unsicherheit aufgrund bewaffneter Konflikte ist jedoch nicht der alleinige Fluchtgrund der Menschen. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind von zahlreichen Bedrohungen, u.a. Ausbeutung, Missbrauch und Zwangsrekrutierung, betroffen. In einem Bericht hat der Bundesfachverband umF die Lage von Kindern und Jugendlichen anhand von vorliegenden Studien analysiert und ausgewertet.

(Februar 2016)

Um die konkreten Auswirkungen der aktuellen Afghanistanpolitik zu verdeutlichen, bat der Bundesfachverband umF seine Mitgliedsorganisationen um eine Einschätzung der Lage. Die Auswertung der Rückmeldungen zeigt, dass die Abschiebungen und die sinkenden Anerkennungsquoten nicht nur zu einer außerordentlichen Belastung im Alltag der afghanischen Jugendlichen führen, sondern auch eine enorme Herausforderung in der Arbeit der BetreuerInnen und für den Alltag in Wohngruppen oder anderen Einrichtungen darstellen.

(Juni 2017)